Übrigens für die 34.KW 2026
Übrigens.......
….am 13. August 1961 wurde der Bau der Berliner Mauer begonnen. Doch die Geschichte hat uns eine grundlegende Wahrheit gelehrt: Keine Mauer hält ewig. Der Ruf nach Freiheit war lauter als die Kälte des Steins. Die Mauer musste fallen – und das Wichtigste ist: Sie ist gefallen.
Diese historische Erfahrung spiegelt sich im Leben eines jeden Menschen wider. Wir alle begegnen unseren eigenen, unsichtbaren Mauern. Es sind schwere Lebenssituationen, Krisen, Krankheiten oder lähmende Strukturen in der Politik, im Beruf, im Sport und in der Gesellschaft. Sie engen uns ein, nehmen uns die Sicht und trennen uns vom alltäglichen Leben.
Wir bauen oder akzeptieren manchmal im Laufe unseres Lebens Mauern. Im Sozialen, im Beruf, in der Politik, im Sport, in der Schule und im Religiösen. Wir tun es manchmal aus einem Bedürfnis nach Schutz und Struktur. Eine Mauer gibt Halt, sie schafft eine vermeintlich sichere Ordnung. Doch die Tragödie beginnt dort, wo eine Struktur nicht mehr dem Menschen dient, sondern der Mensch der Struktur.
Es gibt auch bestimmte Mauern, historische Setzungen und menschliche Traditionen, als wären sie direkt von Gott gemauert. Doch Gott mauert nicht. Gott weitet. Wenn manche Lebensformen den Menschen von seiner eigenen Natur und von der lebendigen Beziehungsfähigkeit trennen, dann werden sie im übertragenen Sinne zu einer Berliner Mauer, während das Herz im Inneren nach Freiheit schreit.
Es ist unendlich schwer, eine Mauer zu verlassen. Sie hat schließlich Jahre das eigene Leben geformt.
Mein Großvater, ein gebürtiger Dortmunder und ein mutiger Nazi-Gegner erlebte schmerzlich in Deutschland, wie die braune Mauer zum Glück gefallen ist.
Meine Eltern, die Freiheitskämpfer in der „Solidarnosc“ Bewegung in Polen erlebten schmerzhaft und erfreulich den Zerfall der kommunistischen Mauer.
In meiner Biografie sind schon einige Systeme und persönliche Mauern gefallen.
Heute, im Kreis meiner eigenen Familie, verstehe ich die Menschwerdung Gottes – noch einmal ganz neu. Die Lebenserfahrung lehrte mich: Man kann Gott nicht tiefer lieben, indem man die Sehnsucht nach menschlicher Partnerschaft und eigener Familie einmauert. Gottes Geist offenbart sich nicht im starren Gesetz, sondern in der lebendigen, greifbaren Liebe von Mensch zu Mensch.
Die Mauern dürfen fallen.
Ihr Norbert Hoffgunst, Theologe/Pastoraler Mitarbeiter


