Musik in St. Augustinus

Peter Sutor, Thomas Lennartz, Winfreid Dahn

Rezension von Wolf-Dieter Rennecke zum Konzertabend „Faszination  Improvisation“ mit Prof. Thomas Lennartz (Leipzig) am 23. Februar 2020

„In dieser Form noch nie dagewesen“ Orgelkonzert „Faszination Improvisation“ in der St.-Augustinus-Kirche, Hannover

Kann ein Organist auf drei Manualen gleichzeitig spielen und dazu noch mit den Füßen die Pedale bedienen? Ja, er kann, wenn er Thomas Lennartz heißt und Professor für Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig und Direktor des Kirchenmusikalischen Instituts ist.

Der „Hausorganist“ Winfried Dahn lädt in diesem Jahr vier bekannte Organisten, Absolventen der Musikhochschule Hannover, zu Konzerten im Rahmen der Reihe „Musik in St. Augustinus“ - gleichzeitig zur Feier des neunzigjährigen Bestehens der Gemeinde - in „seine“ Kirche ein. Den Anfang machte am 23. Februar Thomas Lennartz, 1971  in Hannover geboren und Preisträger vieler Wettbewerbe und Gast an berühmten Orgeln in Deutschland, Frankreich, Spanien, USA und Japan.

Vorangegangen war ein Gespräch von Winfried Dahn mit dem Vorsitzenden der Kath. Erwachsenenbildung Hannover und Repräsentant der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“, Peter Sutor, über „Zukunft der Kirche - Kirche der Zukunft“. Sutor zitierte den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer: „Allein aufgrund des Evangeliums kann in unserer Kirche nichts so bleiben, wie es ist“.

Der Tag stand im Spannungsfeld zwischen Hanau und Helau. Bevor Prof. Lennartz das Konzert eröffnete, gedachten die Anwesenden in einer Schweigeminute der Opfer von Hass und Ausgrenzung.

Lennartz hatte sein Improvisationskonzert in sechs Abschnitten geplant. Die Besucherinnen und Besucher konnten dazu Vorschläge aus den Bereichen Barock, Romantik und Moderne einreichen.

Er begann mit einem Präludium und Fuge zu einem selbst gewählten Thema. Die Zuhörenden konnten per Video-Übertragung dem Organisten fast „hautnah“ auf die Finger und die Füße schauen und miterleben, wie die Finger spielerisch über die Tasten glitten und Lennartz immer wieder die Registrierung änderte und variable Klangbilder erzeugte.

Im zweiten Teil improvisierte er „in memoriam Franz Lehrndorfer“ über „Himmel, Erde, Luft und Meere“ aus dem Evangelischen Kirchengesangbuch.

Im dritten Teil verwob Lennartz unter dem Titel „Fantasia Vindobona - Gruß aus Wien“  Motive von Mozart, Beethoven und Händel als Reise durch verschiedene Musikstile - in wienerisch leichter fugaler Form.

In „Trois Impressions à la française“ brachte die Orgel durch tiefe, klagende Töne und wechselnde Klangfarben Trauer und Hoffnung zum Ausdruck mit „O Haupt voll Blut und Wunden“, „In dir ist Freude“ und Bonhoeffers „Von guten Mächten“. 

Ein junger Student der Musikhochschule, Aaron Triebler, hatte eine freie Tonfolge vorgegeben. Lennartz verwandelte sie in eine beeindruckende Komposition und zeigte, zu was die Lobback-Orgel auch mit modernen Tönen fähig ist.

Den Abschluss bildeten - im Beethoven-Jahr selbstverständlich - drei bekannte, fulminant variierte Stücke der Romantik von ihm: „Die Himmel rühmen“, „Ich liebe dich,so wie du mich“ und zuletzt - unter dem Gedanken der Gleichheit aller Menschen auf dieser Erde - die Ode an die Freude.

Die Zuhörenden reagierten auf dieses Feuerwerk der Orgelmusik mit minutenlangen stehenden Ovationen.

Die Reihe wird an St. Augustinus (Göttinger Chaussee in H.-Oberricklingen) fortgesetzt am Sonntag, 26.April, um 16.45 mit Prof. Arvid Gast, Sprecher des Studienganges Kirchenmusik an der Musikhochschule Lübeck und Titularorganist von St. Jacobi.

                                                                                                          Wolf-Dieter Rennecke

 Programm 

Praeludium und Fuge im dt. Barockstil

Variationen „in memoriam Franz Lehrndorfer“

Fantasia Vindobona – Gruß aus Wien

Trois Impressions à la française

Metamorphosen über ein freies Thema

Romantik in drei Sätzen

Thomas Lennartz ist Professor für Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig und Direktor des Kirchenmusikalischen Instituts. Lennartz, geb.1971 in Hannover, studierte Orgel, Orgelimprovisation, Kirchenmusik, Schulmusik und Germanistik in Hannover, Köln, Leipzig und Paris. 1999 A-Prüfung, 2002 Konzertexamen in Leipzig „mit Auszeichnung“. Wichtige Lehrer waren Ullrich Bremsteller, Arvid Gast und Thierry Escaich, Meisterkurse bei Wolfgang Seifen, Daniel Roth, Pierre Pincemaille, Olivier Latry, Ton Koopman u.a. ergänzten seine Ausbildung. Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung. Preisträger bei div. Wettbewerben: 1.Preis u. Publikumspreis beim Orgelwettbewerb des Fugato-Festivals, Preisträger beim Hermann-Schröder-Wettbewerb, beim Wettbewerb für Orgelimprovisation im Gottesdienst in Regensburg und bei den Internat. Wettbewerben für Orgelimprovisation in Schwäbisch Gmünd, Saarbrücken „Orgues sans frontières“ und St. Albans / England. 2003-2008 Regionalkantor im Bistum Mainz an der Basilika St. Martin in Bingen a. Rhein, Lehrauftrag für Orgel an der Musikhochschule Mannheim; 2008-2014 Domorganist an der Kathedrale in Dresden, Lehrauftrag für Literaturspiel und Liturgisches Orgelspiel an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden. Seit Sept. 2014 Professor an der HMT in Leipzig. Lennartz pflegt das Orgelrepertoire in seiner ganzen Breite, gestaltet aber auch reine Improvisationskonzerte und geht einer ausgedehnten Konzerttätigkeit nach mit Konzerten in Deutschland (u.a. Domkirchen zu Köln, Speyer, Freiburg, Mainz, Regensburg u.a.), vielen Ländern Europas (u.a. Notre-Dame/Paris, Straßburger Münster, Kathedrale Palma de Mallorca), den USA und Japan.